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Die A98 ist kein Verkehrsthema
Für den Abschnitt zwischen Laufenburg und Tiengen wurde im Januar das Linienbestimmungsverfahren beantragt. Das ist, wie der Landkreis Waldshut mitteilt, der erste formelle Verfahrensschritt für den Bau einer Bundesfernstraße. Baurecht entsteht erst danach, im Planfeststellungsverfahren.
Der erste Schritt also. Bei einer Autobahn, über die hier seit Jahrzehnten geredet wird.
Wer am Hochrhein lebt, liest solche Meldungen ohne Regung. Man kennt den Ablauf. Es gibt einen Meilenstein, es gibt Fotos, es gibt einen Satz über regionalen Konsens, und dann passiert eine Weile nichts Sichtbares.
Die übliche Beschreibung des Problems lautet: zu wenig Kapazität. Zu viel Verkehr für eine Bundesstraße, die durch die Ortsmitten führt. Im Bundesverkehrswegeplan ist das als Entlastung von elf Ortsdurchfahrten zwischen Rheinfelden und Waldshut beziffert. Elf.
Ehrlich? Ich habe das jahrelang für ein reines Verkehrsthema gehalten. Etwas, das Pendler ärgert und Anwohner belastet, aber sonst nichts mit der Wirtschaft der Region zu tun hat.
Das war zu kurz gedacht.
Denn das eigentliche Problem ist nicht die Menge an Fahrzeugen. Es ist, dass es nur eine Achse gibt. Fällt sie aus, fällt alles aus. Ein Unfall an der falschen Stelle, und ein ganzer Landstrich steht, weil es keine zweite Verbindung gibt, auf die man ausweichen könnte. Das ist kein Kapazitätsproblem, das ist ein fehlendes Netz.
Für einen Betrieb heißt das etwas anderes als Stau. Es heißt, dass Lieferzeiten nicht zugesagt werden können. Dass ein Termin am anderen Ende der Region eine halbe Tagesplanung kostet, weil man Puffer einbauen muss, den man nicht kalkulieren kann. Wer irgendwo zwischen den Orten sitzt, arbeitet mit einer Unsicherheit, die woanders schlicht nicht existiert.
Aber der teuerste Teil steht in keiner Verkehrszählung.
Eine Region, die über Jahrzehnte auf eine Lösung wartet, gewöhnt sich ans Warten. Das große Projekt wird zum Argument gegen alles Kleine. Warum die Ortsmitte umbauen, wenn der Verkehr sowieso irgendwann verschwindet. Warum den Takt auf der Bahnstrecke ernsthaft angehen, wenn die Straße das schon richten wird. Warum ein Gewerbegebiet anders zuschneiden, wenn die Anbindung in absehbarer Zeit eine andere ist.
Absehbar ist dabei seit Jahrzehnten dasselbe Wort für unbestimmt.
Dieses Muster kenne ich aus Organisationen gut genug, um es zu erkennen. Es gibt das eine große Vorhaben, das alles lösen wird, und solange es nicht da ist, bleiben die kleinen Verbesserungen liegen. Nicht, weil jemand sie verbietet. Sondern weil sie sich neben dem großen Ding kleinlich anfühlen. Am Ende ist das große Ding immer noch nicht da, und die kleinen Sachen sind es auch nicht.
Ich sage nicht, dass die Autobahn überflüssig wäre. Ich sage, dass die Haltung zu ihr teuer ist.
Bleibt die Frage: Was würde man hier heute anders machen, wenn feststünde, dass sie in dieser Generation nicht mehr kommt?
Vermutlich eine Menge. Man würde die Bundesstraße nicht länger als Provisorium behandeln, sondern als das, was sie faktisch ist, nämlich die Hauptschlagader der Region. Man würde Ortskerne so planen, dass sie mit dem Verkehr funktionieren statt gegen ihn. Man würde die Schiene nicht als Ergänzung sehen, sondern als die zweite Achse, die fehlt. Und man würde bei Standortentscheidungen aufhören, eine Trasse einzupreisen, die es nicht gibt.
Nichts davon ist so spektakulär wie ein Spatenstich. Alles davon wäre in fünf Jahren spürbar statt in dreißig.
Der Stau kostet jeden Tag Minuten. Das Warten auf die Lösung kostet die Region Jahrzehnte.