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Warum der Frankenschock in den Zahlen fehlt
Ich hätte darauf gewettet, dass man den Frankenschock in den Zahlen sieht.
Am 15. Januar 2015 gibt die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs auf. Der Franken springt, ein Arbeitstag jenseits der Grenze ist über Nacht deutlich mehr wert. Hier am Hochrhein war das wochenlang Thema. Wer in der Schweiz arbeitete, rechnete nach. Wer es nicht tat, überlegte es sich.
In der Statistik ist davon nichts zu sehen.
Ende 2014 arbeiteten 14.159 Menschen aus dem Landkreis Waldshut in der Schweiz. Ende 2015 waren es 14.452. Das ist derselbe Anstieg wie in den Jahren davor und danach. Die Kurve macht keinen Knick. Sie macht nicht einmal eine Delle.
Ich habe das nachgerechnet, weil ich es nicht glauben wollte.
Drei Ereignisse, die nichts hinterlassen haben
Es bleibt nicht beim Frankenschock.
Die Finanzkrise 2008/09 — die Weltwirtschaft bricht ein, in Deutschland läuft die Kurzarbeit auf Rekordniveau. Die Grenzgängerzahl steigt in diesen zwei Jahren um 951 Personen. Durchgehend. Ohne Unterbrechung.
Die Grenzschließung im März 2020 — die Grenze ist zu, Grenzgänger sind ausgenommen, aber es gibt Kontrollen, Staus, Unsicherheit und die tägliche Frage, ob man morgen noch durchkommt. Über das ganze Jahr 2020 verändert sich die Zahl um 32 Personen. Bei rund 14.500.
Drei Ereignisse, die jeder hier miterlebt hat. Über die man am Kaffeeautomaten sprach und in der Zeitung las. Und die in den Daten schlicht nicht vorkommen.
Was stattdessen gewirkt hat
Zwischen 2005 und 2017 wächst die Zahl in Waldshut um über 400 Personen. Pro Jahr. Zwölf Jahre lang.
Seit 2017 sind es nicht einmal hundert.
Dasselbe Muster in Lörrach: erst fast siebenhundert im Jahr, dann achtundneunzig. Und in Konstanz. Der Bruch liegt in allen drei Landkreisen an derselben Stelle.
Zeitlich fällt diese Phase mit dem Wirksamwerden der Personenfreizügigkeit zusammen — dem schrittweisen Wegfall von Kontingenten und Vorrangregelungen. Ich schreibe bewusst „fällt zusammen": Die Daten zeigen, wann sich etwas geändert hat, nicht warum. Wer das sauber belegen will, braucht mehr als eine Zeitreihe.
Aber die Größenordnung ist schwer zu ignorieren. Was hier gewirkt hat, war keine Erschütterung. Es war eine Regeländerung, die niemand an einem bestimmten Tag gespürt hat.
Warum wir das falsch herum sehen
Der Frankenschock hatte ein Datum, ein Bild und eine Zahl. Man konnte darüber reden.
Die Freizügigkeit hatte ein Inkrafttreten und danach zwölf Jahre, in denen jedes Jahr ein paar hundert Menschen eine Entscheidung trafen, die für sich genommen unspektakulär war.
Das eine ist eine Nachricht. Das andere ist eine Wirkung.
Und ich merke, dass ich beruflich denselben Fehler mache. Wenn etwas Lautes passiert — ein Wettbewerber senkt die Preise, eine Regulierung wird angekündigt, ein Großkunde springt ab —, dann bin ich sofort im Bewertungsmodus. Was heißt das für uns, was müssen wir ändern, wie schnell.
Bei den leisen Veränderungen passiert das nicht. Die laufen einfach mit.
Dabei sind sie es, die man später in den Zahlen sieht.
Was ich daraus mitnehme
Nicht: Ereignisse sind egal. Für den Einzelnen war der Frankenschock alles andere als egal, und wer 2020 an der Grenze stand, hat das gespürt.
Aber wenn ich wissen will, wohin sich etwas entwickelt, ist die Aufregung ein schlechter Ratgeber. Sie zeigt mir, worüber gerade gesprochen wird. Nicht, was gerade wirkt.
Die nützlichere Frage ist unbequemer: Welche Regel hat sich geändert, ohne dass es jemandem aufgefallen ist?
Die Zahlen stammen aus der Grenzgängerstatistik des Bundesamts für Statistik, 94 Quartale von 2002 bis Ende 2025. Der aktuelle Stand steht unter Hochrhein.