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Zielland Nummer eins liegt nebenan
Das häufigste Zielland deutscher Auswanderer ist die Schweiz.
Wer am Hochrhein lebt, findet daran nichts Aufregendes. Für uns ist das kein Auswandern, das ist ein Umzug mit Grenzübertritt.
Genau deshalb lohnt der Blick in die Zahlen, die das Statistische Bundesamt im Juni für 2025 veröffentlicht hat.
Im vergangenen Jahr zogen 288.579 deutsche Staatsangehörige fort. Zurück kamen 191.890. Bleibt ein Wanderungsverlust von 96.689 Menschen, nach knapp 81.000 im Jahr davor. Deutschland verliert bei den eigenen Staatsangehörigen seit 2005 jedes Jahr Menschen, aber dieser Wert ist der höchste der Reihe (Statistisches Bundesamt, 1. Juni 2026, Tabelle 12711).
Eine Randnotiz dazu. Unterm Strich sind 2025 netto rund 235.000 Menschen nach Deutschland gekommen, im Jahr davor waren es noch 430.000 (Statistisches Bundesamt). In dieser Zahl steckt der Verlust bei den Deutschen schon drin. Ohne ihn läge die Nettozuwanderung bei gut 330.000.
Den Rückgang gegenüber dem Vorjahr erklärt das nur zu einem kleinen Teil. Der größere Teil kommt daher, dass weniger Menschen zugezogen sind.
Eine Rückmeldung ist die Zahl trotzdem. Nur vermutlich eine andere, als man zuerst denkt.
Wer geht, lässt sich recht genau beschreiben. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat dafür eine eigene Panelstudie aufgesetzt. Das Durchschnittsalter liegt bei 36,6 Jahren, rund zehn Jahre unter dem der Gesamtbevölkerung. Fast zwei Drittel sind zwischen 25 und 39. Und etwa drei Viertel haben einen Hochschulabschluss, während es in der Bevölkerung gut ein Viertel ist (BiB).
Es gehen also überwiegend junge, gut ausgebildete Leute mitten in der Phase, in der man eigentlich aufbaut.
Beim Wohin wird es regional interessant. Die Schweiz steht mit rund 23.000 Fortzügen vorn, dann Österreich mit 14.000 und Spanien mit 10.000. Zwei deutschsprachige Nachbarn und ein Land, in dem viele schon Urlaub gemacht haben. Das sieht weniger nach Aufbruch aus als nach einem kurzen Weg.
Bei den Gründen ist die Studienlage eindeutiger, als man erwartet. Genannt werden meist mehrere zusammen. Eigene berufliche Gründe nennen 58 Prozent, den eigenen Lebensstil 46 Prozent, Familie und Partnerschaft 36 Prozent. Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland nennen 18 Prozent.
Das ist der Punkt, an dem die öffentliche Erzählung und die Daten auseinanderlaufen.
Denn wenn Abwanderung in erster Linie Flucht wäre, müsste man das an den Zielen sehen. Man sieht es nicht. In die USA zogen 2025 knapp 8.900 deutsche Staatsangehörige, rund 35 Prozent weniger als zwanzig Jahre zuvor. Von Januar bis September 2025 gingen die Fortzüge dorthin um 17,8 Prozent zurück, der niedrigste Stand seit 2021, und im selben Zeitraum kamen erstmals seit 2021 mehr Menschen aus den USA nach Deutschland als umgekehrt (Statistisches Bundesamt, 10. November 2025).
Ehrlich? Ich hatte vor der Recherche eine andere Vermutung. Die Zahlen geben sie nicht her.
Dazu kommt, dass ein Fortzug selten endgültig ist. Im Zehnjahresschnitt verließen jährlich rund 180.000 Deutsche das Land und rund 129.000 kamen zurück. Über zwei Drittel bleiben nur wenige Jahre weg.
Wir reden also vermutlich weniger über Abwanderung als über eine Lebensphase, die im Ausland stattfindet. Vermutlich. Und damit zu dem, was ich an dieser Statistik nicht beantwortet bekomme.
Bleibt die Frage: Wie viele der 288.579 kommen wieder?
Die Statistik zählt Fälle, nicht Lebensläufe. Sie verknüpft den Fortzug von 2025 nicht mit dem Zuzug von 2031. Ob wir gerade einen Verlust sehen oder eine Verzögerung, lässt sich aus diesen Zahlen nicht sagen, und beides hätte völlig verschiedene Konsequenzen.
Und die zweite Frage: Was genau zieht in die Schweiz?
Dass das Nachbarland vorne liegt, kann am Lohnniveau liegen, an der Sprache, an der kurzen Entfernung oder daran, dass man beim Wechsel wenig aufgeben muss. In einer Grenzregion ist das keine akademische Frage. Wer hier über Fachkräfte spricht, konkurriert mit einem Arbeitsmarkt, den man zu Fuß erreicht.
Ein Vorbehalt bleibt bei allen diesen Zahlen. Das Bundesamt weist selbst darauf hin, dass Zuzüge zuverlässiger erfasst werden als Fortzüge, weil viele sich beim Wegzug nicht abmelden. Die echte Zahl dürfte höher liegen als die gemeldete.
Wer einwandert, wird gezählt. Wer auswandert, meldet sich ab, wenn er daran denkt.